Das Ich des Menschen – Quelle der menschlichen Schöpferkraft

25 Jun

Im Ich des Menschen und seiner Kapazität zur Versöhnung der Gegensätze liegt, wie dies bereits im Artikel “Der Krieg hat seine Ursache im Inneren des Menschen” geschildert wurde, der Keim zum Frieden in der Welt. Viel aber wird davon abhängen, ob wir wirklich zu einem Verständnis dieses Ich gelangen können. Im folgenden soll daher einmal ein anschauliches Bild dieses Ich auf den drei Ebenen von Körper, Seele und Geist entwickelt werden.

Wesen und Wirksamkeit des Ich auf körperlicher Ebene

 

Betrachten wir die körperliche Erscheinung des Menschen im Vergleich zum Tier, so sticht uns seine aufrechte, durch innere Aktivität beständig neu ins Gleichgewicht gesetzte Körperhaltung ins Auge. Die aufgerichtete Wirbelsäule lässt die Schwerkraft wie aufgehoben erscheinen und der Tierkopf wird mit zunehmender Aufrichtung zum Menschenhaupt. Arme und Hände, bei den Säugetieren noch für die Fortbewegung genutzt, werden frei und können sich verschiedener Werkzeuge bedienen.

 

So zeigt sich das Ich im Leib des Menschen als eine Kraft die ihn aus der Schwere heraushebt und eine freie Betätigung seiner Gliedmaßen erlaubt.

 

Das Ich in seiner Wirksamkeit auf seelischer Ebene

Niemand wird bestreiten, dass unsere heutige Kultur sich von kollektiven Formen immer mehr zu einer Individualisierung hin entfaltet. Gerade in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg fanden eine Reihe von gesellschaftlichen Revolutionen statt, die dem Einzelnen immer mehr Freiraum und Entscheidungsspielraum gegenüber den früher gültigen gesellschaftlichen Normen verschafften. Während die äußere Freiheit damit enorm gewachsen ist, können wir uns aber auch fragen, ob die innere, seelische Freiheit des Menschen, mit dieser Entwicklung tatsächlich schritthalten konnte.

Die Gesellschaften haben sich, dank dem unerschrockenen Kampf vieler Generationen um Freiheit und Selbstbestimmungsrechte verändert, früher undenkbare Lebensformen werden heute geduldet, ja sind sogar gesellschaftlich anerkannt. Ist aber ein mehr von alternativen, oder auch manchmal von eher exzentrischen Vorstellungen getragener individueller „Lebensentwurf“, ein betont nonkonformistisches Erscheinungsbild, oder ein exzentrischer Geschmack in Stilfragen, wirklich schon ein Zeichen für eine entfaltete Individualität, für ein Ich? So manches Mal kann sich der Verdacht regen, dass hier der Mangel an Inhalt mit einer besonders auffälligen äußeren Form kompensiert werden soll.

Wie zeigt sich ein wirkliches Ich im Seelenleben?

Wirkliche Ich-Kraft würde sich aber, wie wir nach längerem Erwägen sicherlich feststellen, zum Beispiel viel mehr in der Kapazität des Bewusstseins, sich über bestimmte Verhältnisse und Fragestellungen, auch über politische Sachverhalte, eine möglichst objektive, nicht durch subjektive Stimmungen und Emotionen geprägte, eigene Anschauung zu erarbeiten. Ebenfalls dürften wird das Wirken einer starken Individualität auch in der Kraft vermuten, sich von bisherigen, automatisierten Denk- Gefühls- und Verhaltensmustern zu lösen und Neue, brauchbarere und für eine neue Zeit oder Situation sachgemäßere an deren Stelle zu setzen. Erst in der dazu nötigen Freiheit von sich selbst, von unseren eigenen Vorlieben und Antipathien, von allen bisher liebgewonnenen Denk und Verhaltensmustern, liegt die Fähigkeit dem Anderen Menschen zu begegnen, ihm mit wahrer Empathie entgegenzukommen und letztlich – sich in ihn hineinzuversetzen und ihn zu verstehen, ohne sogleich unsere eigenen Innenwelt auf den anderen zu projezieren.

Das Tier ist noch ganz eingebunden in die gegensätzlichen Empfindungswelten von Sympathie und Antipathie, und folgt auf natürlich und unreflektierte Weise seinen Trieben. Der Mensch kann sich mit seinem Ich aus dieser Ebene herausheben, dadurch zu objektiven Wahrnehmungen kommen, diese vergleichen, weiterentwickeln und schliesslich auch entscheiden, wie er handeln und wirken möchte. Ob er diese Fähigkeit aber wirklich entwickelt, wird davon abhängen, ob er sich selbst in seinem Seelenleben zu erziehen in der Lage ist.

In ihrem Drang nach Entwicklung können wir die Seele auch als den Schauplatz bezeichnen, auf dem der Kampf um innere Freiheit, die Goethe uns schildert stattfindet. Wird dieser Kampf bejaht, so sind wir in der Lage seelische Stärke zu entwickeln und Tugenden zu entfalten, die auf unsere Umgebung ausstrahlen.

Bild: Ghandi kämpfte Zeit seines Lebens darum, die Tugend von Ahimsa, von Gewaltlosigkeit in seinem ganzen Leben zu verwirklichen, da er wusste, dass sich in der Anwendung von Gewalt immer eine Schwäche zeigt. Diese suchte er mit der Seelenstärke der Furchtlosigkeit und Gewaltlosigkeit zu begegnen. So können wir auch bei ihm annehmen, dass er nicht nur von Fähigkeiten gezehrt hat, die ihm angeboren waren, sondern seine Ausstrahlung und sein Charisma deuten auf den lebenslangen inneren Kampf um Charakterstärke hin, den er im eigenen Inneren siegreich führen konnte. Ghandi hatte den Frieden im eigenen Herzen gefunden und konnte damit Frieden für Andere bringen.

Ein Mensch der in der Lage ist, sich selbst und damit seinem Seelenleben eine Führung aufzuerlegen, ist wohl in der Regel nicht fähig, andere willentlich zu verletzen. Gewalttaten oder auch verbale Verletzungen anderer sind normalerweise nur in Situationen möglich, in denen „wir unseren Kopf verlieren“ und Opfer unserer eigenen Emotionen werden. So zeigt sich einen Starke Individualität vor allem in der Fähigkeit, das eigene Seelenleben zu führen und im Sinne einer Entwicklung bisherige schlechte Gewohnheiten und Schwächen in Stärken und Tugenden zu verwandeln.

Die geistige Wirklichkeit der menschlichen Individualität

Das Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet. Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als dass ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre; der Umstand, dass sich ein Ideelles in diesen Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet meine Individualität. Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum.“

R.Steiner: “Philosophie der Freiheit”

Bild: Rudolf Steiner mit ca. 30 Jahren zur Zeit des Erscheinens seiner „Philosophie der Freiheit“

So wie der Mensch einerseits zum Tier, ja sogar unter dieses hinabsinken, und andererseits wie bei Gandhi zu einer Quelle hoher Ideale für Andere werden kann, kann er einerseits gesichtsloser Teil der Massenkultur unserer Zeit werden oder aber zu einer ausstrahlenden und weithin wirkenden Individualität heranreifen. Durch seine Triebe und Instinkte ist er nur, wie es Steiner ausdrückt, „ein Mensch von denen zwölf ein Dutzend machen“. Je mehr wir also unser wirkliches Menschsein entwickeln und zu einer Individualität heranreifen, umso weniger sind wir von Außen steuerbar. Ja, das Wesen des individuellen Ich besteht gerade darin, dass es sich selbst führt, steuert und ordnet und keine irrationalen, hierarchischen Autoritäten über sich anerkennen will.

Als Massenmenschen aber, „von denen zwölf ein Dutzend machen“ sind wir sehr wohl lenk- und manipulierbar. So liegt es unbezweifelbar im Interesse derer, welche die bisherigen Macht- und Herrschaftssysteme aufrechterhalten wollen, den Menschen nicht zu einer wirklichen Individualität heranreifen zu lassen. Als Beispiel mag das bestehende Schulsystem dienen, das nach wie vor mehr Wert auf die passive Übernahme von Wissen, Lehrformeln und mechanisierten Lösungsstrategien für Probleme legt, als den ganzen Menschen in seinem Denken, Fühlen und Wollen zu bilden und ihn damit mit der Kapazität auszustatten, sein Leben selbstbestimmt zu leben.

Statt den jungen Menschen zu einem Erwachen bezüglich seiner schöpferischen Kräfte zu führen, und ihn anzuleiten, wie er diese einsetzen kann um zu einem reifen Individuum heranzureifen, wird ihm vermittelt, dass er sich nur durch maximale Anpassung und größten Ehrgeiz und Leistung in dem System des „survival of the fittest“ behaupten wird. Die durch diese Konditionierung erzeugte innere Leere und Seelenlosigkeit des Daseins wird durch ihm durch das Versprechen immer größerer Konsummöglichkeiten und „Kaufkraft“ sowie durch Aufstiegs- und Machtversprechen schmackhaft gemacht.

Fortsetzung folgt…

Creative Commons License
The Das Ich des Menschen – Quelle der menschlichen Schöpferkraft by moveonfreedom, unless otherwise expressly stated, is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Unported License.

2 Responses to “Das Ich des Menschen – Quelle der menschlichen Schöpferkraft”

  1. Martin Bartonitz 26. Juni 2012 at 22:58 #

    Ja, aus unserem Schulsystem werden Menschen entlassen, die zum überwiegenden Teil nach Kant oder Humboldt als unmündig bezeichnet werden könnten.
    Nick Mott hatte über die Auswirkungen unserer schulischen Normierung diese Woche geschrieben: http://faszinationmensch.wordpress.com/2012/06/24/uber-das-lassen-von-mehr-spielraumen-fur-einen-geerdeten-mundigen-menschen-2/
    VG Martin

  2. Thomas 25. Juni 2012 at 14:53 #

    Einen sehr aufschlussreichen Artikel über die gegenwärtige Entwicklung des Schulwesens hat der Gefängnispsychologe Götz Eisenberg verfasst.

    Die von ihm konstatierte Verrohung und Kommerzialisierung stellt uns vor große Herausforerungen. Für Lehrer und Pädagogen ist das, was er schildert, tägliche bittere Realität. Wer nicht Pädagoge ist, bekommt hier einen Geschmack von dem, was momentan abläuft:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=12995

    “Wo harte Leistungskonkurrenz bis in die seelischen Innenräume eindringt, wo Denken und Verhalten der einzelnen bis ins Unbewusste hinein vom Überlebenskampf bestimmt wird, wo Unbehagen und Wut aber keine eindeutigen Adressaten finden, entsteht eine frei flottierende, diffuse Aggressivität, die in alle möglichen Richtungen geht und sich unter anderem in Mobbing- und Dissing-Attacken untereinander entlädt. Deren bevorzugtes Medium sind die sogenannten sozialen Netzwerke, in denen der Sozialdarwinismus sich austobt und die sich mehr und mehr zu einem digitalen Pranger entwickeln.

    In dem Maße, wie Schulen sich als effiziente Zulieferbetriebe für Industrie und Markt begreifen, werden sie verschärft zu Orten der Konkurrenz, der Selektion und damit auch der Kränkung und Beschämung. Da gleichzeitig von den Heranwachsenden die Fähigkeit zur angemessenen Kränkungsverarbeitung immer weniger erworben wird, entsteht hier jede Menge schulischer Sprengstoff. Wenn wir solche Entwicklungen zulassen oder gar fördern, werden wir in Zukunft immer damit rechnen müssen, dass eines Tages ein bis dato stiller, unauffälliger Junge einen schwarzen Kampfanzug anzieht, die Waffe seines Vaters aus dem Schrank holt, ins Epizentrum seiner Kränkungen – die Schule – zurückkehrt und sich in aller Öffentlichkeit rächt für seine erlittenen Demütigungen und den Raub seiner Kindheit.

    Gegenwärtig wächst eine Generation heran, die schon in der Wolle mit Sozialdarwinismus eingefärbt ist. Die hinter uns liegenden, von der Praxis des Neoliberalismus geprägten eisigen Jahre haben die Menschen selbst eisig werden lassen und ihre Innenwelt vergletschert. Sie können gar nicht anders, als diese Kälte weiterzugeben und auf ihre Umgebung abzustrahlen. Es macht einen nicht zu unterschätzenden Unterschied, ob man in einer Gesellschaft aufwächst und lebt, in der schwachen und nicht oder weniger leistungsfähigen Mitmenschen solidarisch beigesprungen und unter die Arme gegriffen wird, oder in einer, in der sie der Verelendung preisgegeben und als sogenannte „Loser“ zu Objekten von Hohn und Missachtung werden. Der Siegeszug des Neoliberalismus brachte die umfassende Durchsetzung jener Art von moralischem Darwinismus mit sich, „der mit dem Kult des winner … den Kampf eines jeden gegen jeden und den normativen Zynismus all seiner Praktiken ins Recht setzt“, heißt es in Pierre Bourdieus Schrift Gegenfeuer. Die vom Markt propagierten und für ein erfolgreiches Agieren auf dem ökonomischen Parkett erforderlichen Eigenschaften und Haltungen sind inzwischen in Gestalt von Rücksichtslosigkeit und Rohheit tief in die Poren des Alltagslebens vorgedrungen und haben sich in die Denk-, Affekt- und Wahrnehmungsgewohnheiten und Reaktionsmechanismen der Heranwachsenden eingegraben.

    Wohin das führen kann und was für eine Mentalität da systematisch erzeugt wird, illustriert folgende Geschichte: Zwei Jungen begegnen irgendwo in den amerikanischen Wäldern einem aggressiven Grizzlybären. Während der eine in Panik gerät, setzt sich der andere seelenruhig hin und zieht sich seine Turnschuhe an. Da sagt der in Panik Geratene: „Bist du verrückt? Niemals werden wir schneller laufen können als der Grizzlybär.“ Und sein Freund entgegnet ihm: „Du hast Recht. Aber ich muss nur schneller laufen können als du.“
    *

    Um den Sozialdarwinismus unter Jugendlichen am Werk zu sehen, braucht es keine Ausflüge in amerikanische Wälder. Die Wildnis beginnt direkt vor unserer Haustür, man muss nur in die Stadt gehen und Augen und Ohren aufsperren.

    Dass „du Opfer“ und „Hey, du Spast“ zu den gängigen Beleidigungen zählen, mit denen heutige Jugendliche sich untereinander belegen, wirft ein schlagendes Licht auf die Perversion im Menschenbild, die sich in den letzten Jahren im Schatten eines vom Neoliberalismus geförderten Klimas der Glorifizierung des Starken und Siegreichen und der Verachtung alles Schwachen, Hilf- und Erfolglosen vollzogen hat.”

Leave a Reply