Die Unabhängigkeit – Ein Zeichen des Ich

27 Jun

Menschen die ihr Ich entwickelt haben, zeigen dies durch ihre Unabhängigkeit von äußeren Umständen, aber auch von sich selbst und ihren eigenen Stimmungen und Launen, ja zu einem gewissen Grad sogar von ihrem Körper und den physischen Umständen. Diese Unabhängigkeit entspringt aber nicht einem weltverneinenden Asketismus, sondern aus dem Bewusstsein, dass ein schöpferisches Tätigsein immer, auch unter schlechten Umständen möglich ist. Im Klagen über die schlechten Bedingungen und ungerechten Verhältnisse unserer Zeit versteckt sich oftmals ein depressives Element, dass der Notwendigkeit eines eigenen schöpferischen Gestaltens mit dem Verweis auf dessen Unmöglichkeit ausweichen möchte.

Während der oft Jahre andauernden Kriegsgefangenschaft nach dem zweiten Weltkrieg studierten Hunderttausende unter schwierigsten Bedingungen, oftmals sogar unter Verzicht auf Papier und Bleistifte in den sogenannten “Lageruniversitäten” der Kriegsgefangenenlager. So mancher kam mit einem Hochschulabschluss nach Hause. Das Beispiel zeigt, wie der äußere Mangel damals durch eine erhöhte geistige Tätigkeit in einer inneren Reichtum verwandelt werden konnte. Die damaligen Teilnehmer berichten von einer unglaublichen Intensität der damaligen Vorlesungen, in welchen sie handgreiflich die Überlegenheit des Geistes über die materiellen Umstände erleben konnten.

 

 

Die Opfer- und Erwartungshaltung, die heute immer noch weite Kreise der Gesellschaft bestimmt und die von Politik und Obrigkeit eine Änderung der Umstände erhofft, verleugnet die eigene Verantwortung und schafft eine ungünstige Abhängigkeit zu „Verantwortungsträgern“, Experten und Gremien. Das warten auf Veränderungen „von oben“, das klagen um die Ungrchtigkeit der herrschenden Gesetzgebungen ist zwar vielfach auch berechtigt, andererseits vergessen wir leider allzu oft unsere Freiheit und Unabhängigkeit des Gestaltens .

 

So ist die wahre Unabhängigkeit erst durch die geistige ich-Dimension des Menschseins möglich. Würde der Mensch nur reduziert werden auf einen Körper und auf ein Seelenleben und würde man ihm den Geist absprechen, so wie es beispielsweise in der katholischen Kirche nach dem Konzil in Konstantinopel geschaffen worden ist, dann kann der Mensch keine wirkliche Unabhängigkeit mehr finden. Die eindrucksvolle Unabhängigkeit jedoch ist eine zukünftige Aufgabe, die sich das reifliche, menschliche Bewusstsein zunehmend mehr stellen muss, denn nur in der Unabhängigkeit kann eine freie Wirklichkeit, eine freie Schaffenskraft erzeugt werden.

Heinz Grill aus „Die Unabhängigkeit der Seele und des Geistes“, S.13

 

Wird fortgesetzt….

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One Response to “Die Unabhängigkeit – Ein Zeichen des Ich”

  1. Martin Bartonitz 1. Juli 2012 at 09:50 #

    Ja, es wir immer offensichtlicher, dass das warten auf Änderungen von außen keinen Sinn macht und es an Jedem selbst liegt, die not-wendige Änderungen anzugehen.
    Und da ist es wichtig, ein starkes Ich zu entwickeln, denn ohne wird das Unterfangen schwer sein. Silke hat auf unserem Blog einen schönen Beitrag dazu geschrieben:
    Warum eigentlich ist eine gestärkte Ich-Bezogenheit so schlimm?

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