Krieg hat seine Ursache im Inneren des Menschen

10 Jun

Die ältere Philosophie kannte noch den Gegensatz zwischen Mensch und Tier und schrieb dem Menschen, den man kosmologisch zwischen Göttern und Tieren ansiedelte, die Möglichkeit zu, entweder über sein Menschsein hinauszuwachsen und sich dem göttlichen Dasein anzunähern, oder aber mit größter Bestialität sogar unter das Tierische hinunterzusinken. Goethe, der vielfach aus der Weisheit der Antike schöpfte, hat dem Ringen dieser Doppelnatur des Menschen, das zerrissen-sein zwischen seiner göttlichen und seiner menschlichen Natur in seinem „Faust“-Drama künstlerischen Ausdruck verliehen. So lässt er Faust beim berühmten Osterspaziergang sprechen:

Bildquelle: www.goethezeitportal.de

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Jeder Mensch kennt diese beiden „Seelen“ wohl zu gewissem Grad aus eigener Erfahrung und bei demjenigen der sie meint, nicht zu kennen, dürfen wir vermuten, dass der Kampf zwischen beiden Seiten seiner Natur zwar vorhanden ist, aber ihm infolge gewisser Kompensationsstrategien noch nicht bewusst geworden ist.

So liegt der „Krieg“, der Kampf der beiden Seelen gegeneinander, schon in der Natur des Menschen begründet und vieles hängt davon ab, wie sich der Einzelne dieser in ihm liegenden Entwicklungsforderung stellt. Hier, im Herzen des Menschen scheint der eigentliche Kampf stattzufinden und ob wir im Frieden mit uns selbst sind und damit auch um uns herum Frieden herrschen kann, hängt davon ab, inwiefern es uns gelingt, diese beiden „Seelen“ auf günstige Weise miteinander zu versöhnen.

Wird eine der beiden Seiten unseres Wesens unterdrückt oder kompensiert, sind wir, ob bewusst oder unbewusst, in einem Zustand des Unfriedens mit uns selbst, der auch nach Aussen, zu unseren Mitmenschen hin, als Druck, Ausgrenzung oder Verurteilung spürbar werden kann.

Philosophie und Religion der verschiedenen Kulturen und Menschheitsepochen beschäftigten sich daher seit jeher mit dieser zentralen Frage: Wie kann der Mensch – hineingestellt zwischen Geist und Materie – eine günstige, entwicklungsfreudige Synthese zwischen seinen Idealen und geistigem Verlangen und seiner irdischen Natur finden? Ist ihm das überhaupt möglich? Oder bleibt ihm nur die Möglichkeit, eine dieser beiden Seiten bestmöglich zu unterdrücken, um die andere Leben zu können?

Ich möchte behaupten, dass es dem Menschen möglich ist, eine solche Synthese von Geist und Welt zu leisten, wenn er dieser Entwicklungsanforderung, die nicht von Aussen, sondern von Innen an ihn herantritt, nicht ausweicht und sich überdies seiner Individualität und schöpferischen, Gegensätze verbindenden Kraft als Mensch bewusst wird.

Prometheus brachte dem Menschen das Feuer. In einer erweiterten Betrachtung können wir sagen, dass er dem Menschen damit das Ich überbrachte, das von alters her mit dem Feuerelement gleichgesetzt wurde. Bezeichnenderweise kommen mit der Büchse der Pandora in der Folge auch Krankheit, Tod und alle Übel in die Welt. Das Ich, das den Menschen von seiner Umgebung trennt und ihn damit aus der Schöpfung abschliesst und isoliert ist so in der Sage einerseits Grund für das Übel, aber andererseits, sofern er seine Feuerkraft zu nutzen versteht, auch Mittel zur Überwindung der Leiden des Menschen.

 

 

Wir können uns ebensowenig ungestraft von unserem Drang zu Entwicklung und Evolution trennen, wie wir uns einfach über unsere emotionalen Grundbedürfnisse, Triebe und Ängste hinwegsetzen können, ohne früher oder später von ihnen eingeholt zu werden. Wenn wäre es, wenn – wie es Goethe wohl ausdrücken würde – die Götter uns die Gabe verliehen hätten, Himmel und Erde miteinander zu versöhnen, aber uns die Freiheit liessen, uns dieser Fähigkeit zu bedienen? Würden sie es nicht als Frevel ansehen, wenn wir diese Möglichkeit nicht wahrnehmen würden?

Wären sozialer Unfriede und letztlich Krieg dann nicht die logische Folge eines nicht ergriffenen Kampfes im eigenen Inneren? Ist es nicht zwangsläufig so, dass wir, sobald wir das Ringen um die Synthese zwischen unseren Idealen und dem äußeren, praktischen Leben nicht ergreifen, diesen Kampf nach Aussen tragen müssen indem wir immer größere Ungleichgewichte, Drücke und letztlich Unfrieden und Krieg erzeugen?

Bereits ein kleiner Blick auf die äußeren Faktoren der gegenwärtigen Weltlage z.B. die Ungerechtigkeiten in der Weltwirtschaft, lässt uns erahnen, dass der von übermäßigem Konsum geprägte Lebensstil unserer Kulturen, unsere Gier nach Rohstoffen und Energie, die so viel Leid und soziale Ausbeutung mit sich bringt, ihre Ursache nur in einer inneren Leere und einem emotionalen unbefriedigt sein haben können. Kein Mensch braucht diese Überfülle an Konsumgütern, und künstlichen Erfahrungs- und Erlebenswelten um glücklich und zufrieden leben und arbeiten zu können. Unsere gegenwärtige Kultur zeichnet sich durch eine einseitige Betonung des Diesseitigen aus, oder um im Bilde Goethes zu bleiben, in der Betonung desjenigen Seelenanteils in uns, der „in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen“ bindet. Goethe, der zu seiner Zeit noch von einem tieferen, integraleren Bild des Menschen ausging, zeigt schon mit seiner Formulierung „klammerns“ dass es sich dabei um eine Art Angst handeln muss, die den Menschen treibt, sein Heil ganz im Diesseitigen zu suchen und den anderen Seelenanteil, der immerwährend danach strebt, bisher unbekannte Ideale und die Grenzen des bisherigen sprengende neue Lebenszielsetzungen in das Dasein zu integrieren möglichst zu negieren, sich „ganz von ihm zu trennen“. Eine solche Lebenshaltung muss in einer Welt mit endlichen Ressourcen wohl zwangsläufig zu Verteilungskämpfen und schliesslich zu und Krieg und Zerstörung führen

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2 Responses to “Krieg hat seine Ursache im Inneren des Menschen”

  1. Martin Bartonitz 26. Juni 2012 at 23:19 #

    Vielen Dank, Bernhard und Frieder für diesen Artikel und Kommentar!
    Weil ich diese Zerrisenheit des Menschen sehen, dass er imstande ist, sowohl der positiv als auch negativ zu wirken, habe ich meinen Blog “Faszination Mensch” genannt. Und ich schreibe aus dem gleichen Grund wie Du, Bernhard.
    Wir haben auf meinen Blog immer wieder auch die Harmonie von Gefühl und Geist besprochen und würde mich freuen, wenn ich beides auf dort nochmals veröffentlichen darf. Habe ich die Erlaubnis?
    Eine Nachricht per Mail wäre prima :-)
    Viele Grüße
    Martin

  2. Frieder 15. Juni 2012 at 12:09 #

    Ergänzen möchte ich diesen mir sehr bedeutend erscheinenden Beitrag durch einen Hinweis auf die Ausführungen von Friedrich v. Schiller, die er 1794 in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ veröffentlicht hat. Friedrich v. Schiller war ja ein Zeitgenosse von J. W. von Goethe. Beide standen in den reiferen Jahren ihres Lebens in einem ehrwürdigen persönlichen Austausch. Zu Goethes 150. Geburtstag, 1899, erschien im „Magazin für Literatur“ ein Artikel von Rudolf Steiner der diese Freundschaft zwischen den beiden deutschen Denkern recht anschaulich charakterisiert. Rudolf Steiner weist in dieser Festschrift nochmals auf die zwei Grundtriebe hin, von denen Schiller in den ersten seiner 27 „Briefe“ ausgeht. Diese Grundtriebe halten den Menschen von der idealischen Vollkommenheit zurück, wenn sie in einseitiger Weise zur Entwicklung kommen:

    „der sinnliche und der vernünftige Trieb. Hat der sinnliche Trieb die Oberhand, so unterliegt der Mensch seinen Instinkten und Leidenschaften. Sein Tun ist die Folge einer niederen Nötigung. Überwiegt der vernünftige Trieb, so ist der Mensch bestrebt Instinkte (die eher tierischer Natur sind) und Leidenschaften zu unterdrücken und einer rein geistigen Tugendhaftigkeit nachzustreben. In beiden Fällen ist der Mensch einem Zwange unterworfen. Im ersteren zwingt seine sinnliche Natur die geistige, im zweiten seine geistige die sinnliche Natur zur Unterwerfung. Weder das eine, noch das andere kann ein wahrhaft menschenwürdiges Dasein begründen. Dieses setzt vielmehr eine vollkommene Harmonie beider Grundtriebe voraus. Die Sinnlichkeit soll nicht unterdrückt, sondern veredelt werden, die Instinkte und Leidenschaften sollen auf eine so hohe Stufe gehoben werden, dass sie in der Richtung wirken, die auch die Vernunft, die höchste Moralität vorschreibt. Und die moralische Vernunft soll nicht wie eine höhere Gesetzgebung in dem Menschen walten, der man sich widerwillig unterwirft, sondern man soll ihre Gebote empfinden wie ein zwangloses Bedürfnis.

    …. Ein Mensch, der weder von Seite der Sinnlichkeit noch von Seite der Vernunft eine Nötigung erfährt, der aus Leidenschaft im Sinne der reinsten Moral handelt, ist eine freie Persönlichkeit. Und eine Gemeinschaft von Menschen, in denen der natürliche Trieb des Einzelnen so veredelt ist, dass er nicht durch die Machtansprüche der Gesamtheit gezügelt zu werden braucht, um ein harmonisches Zusammenleben möglich zu machen, ist der Idealzustand, dem der Macht- und Zwangsstaat zustreben muss. Äußere Freiheit im Zusammenleben setzt innere Freiheit der einzelnen Persönlichkeiten voraus. In dieser Art suchte Schiller das Problem der Freiheit des menschlichen Zusammenlebens zu lösen, das alle Gemüter bewegte und das in der französischen Revolution nach einer gewaltsamen Lösung strebte. „Freiheit zu geben durch Freiheit ist das Grundgesetz“ eines menschenwürdigen Reiches.“ (27. Brief) “

    Friedrich Schiller selbst benannte diese „goldene Mitte“, diese „innere Freiheit“ als den Spieltrieb: „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ (15. Brief)

    Nun könnten wir uns die sicherlich berechtigte Frage stellen wie eine solche Stellung der „Mitte“, innerhalb der „Mensch nur spielt, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er nur da ganz Mensch ist, wo er spielt“, in einem nachhaltig wirkenden Sinne entwickelt werden kann? Welche Möglichkeiten gibt es hierzu?

    Meiner persönlichen Erfahrung nach ist dies nur durch eine Art „Selbst-Erziehung“, diesen „idealischen Menschen“ in sich langsam heranreifen zu lassen – aus dem eigenen inneren Herzen verantwortungsvoll gewollt, umsetzbar. Da es aber kaum möglich erscheint, wie Münchhausen sich am „eigenen Schopfe packend“ aus dem Sumpfe zu befreien, benötigt es ein Ideal. Ein Ideal, dem wir uns – aus eigenem Interesse und aus einer Liebe zur selbst gewollten Entwicklung, Schritt für Schritt annähern können. Diese aufmerksame und bewusste Annäherung an ein noch außenstehendes, wartendes spirituell geprägtes Ideal erscheint mir als ein sicherlich zeitgemäßer, sinnvoller und gleichsam notwendiger – individueller und spiritueller Entwicklungsschritt. Dies kann dann in eine hoffnungsvolle, neue, freie und damit heilsame Begegnungs- und Beziehungskultur innerhalb kleineren Gemeinschaften, aber auch innerhalb von Staatengemeinschaften führen.

    Die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen der einen umgebenden Außenwelt und der eigenen seelischen Innenwelt – die sich beide zu jedem Moment des Lebens „gegenüberstehen“ und in einem progressiven Wandlungsprozess sich befinden, welcher sich zu jedem Moment des Lebens in einem Gleichgewicht erkennen will – erscheint hierbei recht günstig. Es kann dann durch diese Unterscheidung ein geordneter individueller Ich-Standpunkt entwickelt werden. Dieser kann mir selbst, aber auch meiner Umgebung, diese erste Freiheit schenken, die Friedrich v. Schiller, und auch neuzeitliche spirituelle Lehrer und Eingeweihte – wie zum Beispiel Rudolf Steiner oder Heinz Grill – als das „Grundgesetz bzw. die Grundordnung des menschlichen Ideals“ bezeichnen.

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